Es gibt Momente im Schuljahr, die auf den ersten Blick ganz unspektakulär erscheinen: Menschen stehen zusammen, Kinder laufen kreischend über den Schulhof des Stadtgymnasiums, irgendwo wird gelacht, jemand reicht einen Teller mit Köstlichkeiten weiter und ein Gespräch beginnt mit einem „Und, in welcher Klasse ist Ihr Kind?“. Nichts davon wird vermutlich in den Jahresplanungen einer Schule als pädagogische Großtat geführt. Und doch liegt gerade darin etwas ungemein Wertvolles.
Das Schulfest ist zunächst einmal ein Fest. Ein gemeinsames Innehalten, ein paar Stunden außerhalb von Stundenplänen, Konferenzen, Hausaufgaben und organisatorischen Notwendigkeiten. Für viele ist es aber zugleich der erste Moment, in dem aus einer Schule, ein Stück weit eine Gemeinschaft werden kann.
Das gilt insbesondere für diejenigen, für die vieles noch neu ist: für Eltern, deren Kinder gerade angekommen sind, für neue Lehrerinnen und Lehrer, die ihre ersten Schritte im Kollegium machen, und ebenso für die neu gewählten Elternvertreterinnen und Elternvertreter, die ihre Rolle und die Menschen, mit denen sie sie ausfüllen werden, erst kennenlernen müssen. Ein gemeinsames Fest schafft dabei etwas, das im normalen Schulalltag gar nicht so leicht entsteht: Begegnungen ohne konkreten Anlass.
Man muss nicht über eine Klassenarbeit sprechen. Nicht über einen Elternabend. Nicht über eine Regel, eine Beschwerde oder ein Problem. Man kann einfach miteinander reden.
Schule besteht nicht nur aus Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften. Sie besteht aus Kindern und Jugendlichen, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, Schulleitung, pädagogischen Fachkräften und vielen weiteren Menschen, die mit unterschiedlichen Perspektiven, Erwartungen und Erfahrungen auf denselben Ort blicken. Im Alltag begegnen wir uns dabei häufig in bestimmten Rollen. Die Lehrkraft trifft auf das Elternteil. Die Elternvertretung spricht mit der Schulleitung. Schülerinnen und Schüler begegnen ihren Lehrerinnen und Lehrern. Jede dieser Begegnungen hat ihren eigenen Zweck.
Ein Fest kann diese Rollen für einen Moment etwas lockern.
Dann steht nicht nur „der Elternvertreter“ neben „der Lehrkraft“. Da stehen zwei Menschen, die miteinander lachen, sich kennenlernen und vielleicht feststellen, dass sie sich darüber einig sind, dass Eintracht Frankfurt am Wochenende unbedingt gewinnen muss. Aus einer Funktion wird eine Person. Aus einer Rolle wird ein Gegenüber.
Das mag klein erscheinen. Gesellschaftlich ist es das nicht.
Doch in einer Zeit, in der Begegnungen zunehmend vorausgewählt, gefiltert und sortiert werden, ist dieser Moment rar. Wir bewegen uns in sozialen, digitalen und beruflichen Räumen, in denen wir immer häufiger mit Menschen zusammentreffen, die ähnliche Interessen, ähnliche Ansichten oder ähnliche Lebensrealitäten haben. Gleichzeitig werden gesellschaftliche Debatten härter geführt und Unterschiede schneller betont als Gemeinsamkeiten. Wo Begegnungen fehlen, entstehen leicht Vorstellungen übereinander, ohne dass man miteinander gesprochen hat.
Eine Schule kann diesem Trend etwas entgegensetzen.
Nicht, weil ein Schulfest plötzlich die großen gesellschaftlichen Probleme löst. Das wäre vermutlich etwas viel verlangt von Biergarnituren, Kuchenbuffets und „den glücklichen Gärtnern“. Aber weil Begegnung eine Voraussetzung dafür ist, dass Gemeinschaft überhaupt entstehen kann.
Gemeinsam verbrachte Zeit schafft Erinnerungen. Und Erinnerungen schaffen Verbindung.
Wer einmal miteinander gefeiert, gelacht oder einfach nur ein gutes Gespräch geführt hat, begegnet sich beim nächsten Mal nicht mehr völlig fremd. Das verändert die Ausgangslage für die nächste Begegnung.
Und genau hier beginnt die eigentliche Bedeutung eines Schulfestes.
Denn eine gute Schulgemeinschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass immer alle einer Meinung sind. Im Gegenteil. Eine Schule, in der unterschiedliche Menschen zusammenkommen, wird zwangsläufig unterschiedliche Interessen, Vorstellungen und Erwartungen hervorbringen. Eltern haben andere Perspektiven als Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler andere als Eltern. Die Schulleitung trägt andere Verantwortung als die Elternvertretung.
Eine lebendige Schule braucht deshalb nicht weniger Streit, sondern besseren Streit.
Sie braucht Menschen, die miteinander sprechen, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Sie braucht Diskussionen, in denen Argumente ausgetauscht werden, ohne dass das Gegenüber zum Gegner gemacht wird.
Dafür braucht es Vertrauen.
Und Vertrauen entsteht nicht erst in dem Moment, in dem ein Konflikt auftritt. Es entsteht vorher – in vielen kleinen Begegnungen, Gesprächen und gemeinsamen Erfahrungen.
Das ist gerade in der Bildungspolitik von Bedeutung.
Denn die großen Herausforderungen, vor denen Schule steht, lassen sich nicht dadurch lösen, dass man möglichst schnell einen Schuldigen findet. Wenn Studien wie PISA Probleme sichtbar machen, ist es legitim und notwendig, über Ursachen und Verantwortlichkeiten zu sprechen. Was jedoch nicht weiterführt, ist ein Narrativ, in dem wahlweise Schülerinnen und Schüler, Eltern und Erziehende, Lehrkräfte, Migration, soziale Medien oder einzelne Schulformen für die Probleme verantwortlich gemacht werden, politische und strukturelle Versäumnisse aber aus dem Blick geraten.
Bildung ist keine Angelegenheit, bei der sich Verantwortung bequem nach unten weiterreichen lässt.
Wenn Schulen bessere Bedingungen brauchen, müssen Politik, Schulverwaltung, Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler miteinander darüber sprechen können, was sich verändern muss.
Aber konstruktiver Streit funktioniert nur dort, wo Menschen einander als Teil derselben Gemeinschaft wahrnehmen.
Vielleicht ist das deshalb die schönste und zugleich politischste Bedeutung eines Schulfestes: Wir feiern nicht nur, dass ein neues Schuljahr beginnt. Wir erinnern uns daran, dass Schule etwas Gemeinsames ist.
Und vielleicht nehmen wir genau dieses Gefühl mit in den Schulalltag.
Das Gefühl, dass wir nicht nur nebeneinander arbeiten, lernen und organisieren, sondern miteinander verbunden sind.
Ein Fest ist deshalb mehr als ein Fest. Es ist ein Anfang.
[Text von Jan Steckelbroeck]



























